Pauschaltourismus scheint das Gegenteil vom nachhaltigen Tourismus und grundsätzlich verwerflich zu sein – doch stimmt das überhaupt, fragt sich unsere Autorin?

  4 Minuten    Bettys Reisewelt

Betty

„Was Reisen für mich so besonders macht? Nicht nur die schönen Orte dieser Welt, sondern vor allem die Menschen, die dort leben und die spannendsten & bewegendsten Geschichten auf Lager haben."

Betty, FairAway Redaktion

Betty Wilde arbeitet als Content Manager bei Fairaway

Doch Moment mal: Stimmt das überhaupt?


 

Überfüllter Strand
Pauschalreise = Massentourismus - in den Köpfen vieler Menschen

Der Schock: FairAway macht Pauschaltourismus

Ich habe darüber neulich im Zug mit einem überzeugten Backpacker diskutiert. Er hält seine Art zu reisen für die einzig richtige, um Land und Leute kennenzulernen und um nachhaltig unterwegs zu sein. Gewissermaßen stimme ich ihm zu, dass Backpacken, was ich ebenfalls sehr liebe, auch wirklich nachhaltig sein kann: Gerade mit kleinem Budget fährt man öfter mit denselben Bussen und Bahnen wie die Einheimischen, anstatt zu fliegen. Man schnabuliert günstiges lokales Street Food. Und man ist oft länger und entschleunigter unterwegs, sodass man Zeit hat, in eine Kultur einzutauchen. Auch kompaktes Gepäck, um für alle Abenteuer unbeschwert bereit zu sein, macht einen Unterschied – je leichter, desto weniger CO2-Emissionen auf dem Flug. In diesem speziellen Fall konnte ich seiner Aussage nur bedingt zustimmen. Denn er ist einer der Backpacker, für die eine Reise nur zählt, wenn sie ganz weit geflogen sind, die an allen Ecken und Enden sparen und feilschen – wodurch die lokale Bevölkerung nur sehr wenig an ihnen verdient und Unterkünfte weniger nachhaltig sind – und die mehr mit anderen Backpackern im Hostel statt mit den Locals zusammenglucken.

Aber das nur am Rande. Auf jeden Fall ist Pauschaltourismus auch hier das erklärte Feindbild, und als ich ihm erklärte, dass ich für einen nachhaltigen Pauschalreiseveranstalter arbeite, bekam er kurz Schnappatmung: „Moment mal, das ist doch ein Widerspruch?!“

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Pauschaltourismus: Eine Definition

Ist es nicht. Denn Pauschalreiseveranstalter bedeutet erstmal, dass alles aus einem Guss geplant und gebucht wird: Bei Reiseantritt wissen Reisende, wo sie übernachten werden, wann sie wie von A nach B kommen und welche Aktivitäten sie unternehmen werden (auch wenn natürlich immer noch Platz für Spontaneität bleibt). Das halt nichts mit All-Inclusive-Bettenburgen und Massentourismus zu tun – eine wichtige Unterscheidung. Pauschaltourismus ist also nicht per se schlecht, sondern es ist eine Frage der Gestaltung. In unserem Fall kommen 85 % des Reisepreises der lokalen Bevölkerung zu, wir achten u. a. auf Umweltschutz, Menschenrechte und beziehen die Menschen vor Ort mit ein, sodass der gegenseitige Austausch gefördert wird und sich die Kulturen gegenseitig kennenlernen.

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Der „böse Pauschaltourismus“

Aber natürlich gibt es auch anderen Pauschaltourismus. Den, bei dem sich die Menschen am Buffett im All-Inclusive-Hotel in Cancún um die Schnitzel prügeln und wo am Ende doch ganz viel weggeworfen wird. Der, bei dem man sich den ganzen Tag nicht aus dem Hotel rausbewegen muss, sondern mit dem richtigen Bändchen am Pool und überhaupt überall rund um die Uhr alles bekommt. Der, bei dem die Angestellten unter schlechten Arbeitsbedingungen und mieser Bezahlung leiden. Der, bei dem man nichts Authentisches vom Land sieht, sondern in seiner Blase bleibt, am liebsten in seiner Landessprache kommuniziert und der einzige Kontakt zur lokalen Bevölkerung erfolgt, wenn das Bier alle ist. Ja, diesen Pauschaltourismus finde ich auch höchst problematisch. Weil er in den meisten Fällen nichts für das Land macht. Weil die internationalen Hotelketten das Gegenteil von lokal sind. Weil Menschen zwar Arbeitsplätze bekommen, aber oft ausgebeutet werden. Weil Unmengen an Plastikmüll entstehen – schließlich brauchen die Getränke am Pool dringend bunte Schirmchen und Röhrchen für das ultimative All-Inclusive-Feeling. Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Schlimmer sind nur Kreuzfahrtschiffe.

Deswegen mag ich keine Kreuzfahrtschiffe

Bunte Getränke mit Schirmchen
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Aber auch diesen Pauschaltourismus brauchen wir

Ab und zu ertappe ich mich trotzdem bei dem bösen Gedanken: Gut, dass es ihn gibt, diesen Pauschaltourismus. Man muss sich mal überlegen, was passiert, wenn man den klischeehaften Pauschal-All-Inclusive-Urlauber auf das wirkliche Leben im Land loslässt. Der eigentlich nur zwei Wochen am Pool liegen und rund um die Uhr bunte Getränke bekommen möchte. Der sich nicht so sehr für eine andere Kultur interessiert, wie er die eigene Kultur beibehalten will. Der unterhalten werden möchte, anstatt Einblicke in die Lebensrealität zu bekommen und Nachdenklichkeit oder gar schlechte Laune zu riskieren. Wieso also sollte man ihn dazu zwingen, etwas anderes zu tun – und dabei in Kauf nehmen, dass er sich im schlimmsten Fall der lokalen Bevölkerung im realen Leben des jeweiligen Landes gegenüber unsensibel, intolerant oder respektlos verhält?

Ich überspitze hier bewusst. Man sollte natürlich jeden das machen lassen, was er oder sie im Urlaub machen will. Ich möchte weder pauschal verurteilen noch jemandem vorschreiben, wie er sich am besten erholt – ich möchte nur das Bewusstsein schärfen dafür, dass hinter den Kulissen des schönen Pools die Sache oft nicht so rosig aussieht. Und dass es auch anders geht.

Flamingo im Hotelpool
Wenn das die einzige lokale Begegnung bleiben soll ... dann ist das besser und ok so.

All-inclusive – bitte inklusive Nachhaltigkeit

Ich bin überzeugt davon, dass es hier nicht nur schwarz und weiß gibt. Denn Pauschaltourismus könnte man auch ganz leicht anders gestalten. Nämlich so, dass das jeweilige Reiseland trotzdem davon profitiert. Indem die Menschen gerecht bezahlt und behandelt werden. Indem lokale Produkte am Buffett gereicht werden. Indem Plastik gespart und Müll recycelt wird. Indem Hotelketten Abgaben zahlen müssen, die dem Land – den Menschen, der Natur, dem nachhaltigen Tourismus – zugutekommen. Es gibt so viele Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, damit Pauschaltourismus viel besser wird als sein Ruf (und die momentane Realität). Wie man das finanzieren kann, ohne dass die Reisenden stark draufzahlen und sich manche den Urlaub nicht mehr leisten können, weiß ich leider nicht – aber dafür sollte es in einer Branche, die 2019 1,5 Billionen US-Dollar erwirtschaftet hat, Lösungen geben. 

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